Spuren werden auf ganz unterschiedliche Art und Weise hinterlassen: Mit den Füßen im Sand, mit den Fingern auf dem Touchscreen oder mit der Geschichte in den menschlichen Erinnerungen. Die fortschreitende Zeit prägt nicht nur Stadtbilder, sie lässt dabei auch das Gedächtnis der Personen nicht unberührt. Einige Lebenserfahrungen bleiben im Alter deswegen oft nur fragmentarisch bestehen oder „geistern“ durch unsere Köpfe. Sichwort Demenz.

Line Krom hat sich mit einem künstlerischen Ansatz dieser Thematik genähert. Sie ist ein Kind der späten 70er, lebt und arbeitet in ihrer Heimatstadt Frankfurt als freischaffende Künstlerin und präsentiert sich euch heute in einer neuen Ausgabe von #zugehört als Produzentin der „Ghost Tours“.

Für ihr Projekt ist sie ins hessische Offenbach gereist. Die Aufnahmen speisen sich aus Erinnerungsbruchstücken von Bewohnerinnen des städtischen Seniorenzentrums. Die Gesprächsauszüge erhielten ihre erste Beachtung während des Kunstfestivals „Kunstansichten 2013“. Dazu wurden in Offenbach an ausgewählten Stellen QR-Codes angebracht, die das Smartphone nach dem Einlesen in einen Audioguide verwandelten.

Ein knapper Fragebogen soll uns ihre Persönlichkeit und ihr Schaffen, vor allem aber die Entstehung der “Ghost Tours” näher bringen.

Line Krom, Ghost Tours, Audio Guide, 2013 (1)
Bild-Quelle: Line Krom


Line, wie würdest du die Resonanz auf die „Ghost Tours“ während des Festivals beschreiben? Hast Du auch über die Zeit des Festivals hinaus, Feedback zu dem Projekt erhalten?

Reinhold Gries von der Offenbach Post beschreibt „Ghost Tours“ als das „Sahnehäubchen“ der Kunstansichten, der Kunstbiennale der Stadt Offenbach. Ich kann bestätigen, dass das Projekt „Ghost Tours“ bei der Öffentlichkeit gut ankam.

Da die QR-Codes nach dem Festival demontiert wurden, weiß ich nicht, auf wie viel Interesse das Projekt derzeit noch stößt. Ein Aufruf der Webseite ist wohl eher zufällig. Insofern bin ich sehr froh, dass Hannes Wirtz auf mich zugekommen ist und mir vorgeschlagen hat das Projekt in audioguideMe einzubinden.

Wie haben eigentlich die Bewohnerinnen und Bewohner dein Vorhaben aufgefasst und was hast du persönlich für dich aus den Begegnungen mitgenommen?

Ein Jahr lang habe ich mich jede Woche mit der Projektgruppe im Seniorenzentrum getroffen. Für die Teilnehmerinnen war dies der freudig erwartete Höhepunkt der Woche. In den Diskussionen ging es mir oftmals, wie es der/dem ZuhörerIn von „Ghost Tours“ geht: Viele Erzählungen der alten Damen blieben mir verschlossen. Ihre Lebenswelt war mir sehr fremd. Das mag zum einen mit ihrer Demenzerkrankung zu tun haben, zum anderen aber auch damit, dass es sich um eine andere Generation handelt. Vieles im Stadtraum und im gesellschaftlichen Leben hat sich stark gewandelt, manches, von dem die Seniorinnen berichten, ist weiterhin im Stadtraum sichtbar, anderes ist verloren gegangen – eben diese Diskrepanz fand ich für das Projekt sehr spannend, dass jemand der sich gerade im Stadtraum befindet einfach einen kurzen Erinnerungsmoment aus der Vergangenheit anhören kann.

Wie hast du das Projekt technisch bewerkstelligt?

Mit den Seniorinnen habe ich Einzelinterviews geführt und diese später geschnitten. Leider hatte ich kein gutes Aufnahmegerät. Manchmal ist die Qualität der Aufnahmen daher nicht optimal.

Außerdem habe ich ein Design für die Webseite (http://www.ghosttours-offenbach.de/) entwickelt. Es handelt sich dabei um typografische Elemente, wie Punkte, Kommas, usw. Sie strukturieren den Hintergrund der Seite. Diese Motive sind zufallsgeneriert und verändern sich mit jedem Klick bzw. Aufruf der Seite – dies gilt ebenso für die Interviews, auch sie werden per Zufallsgenerator abgespielt. So kann es sein, dass jeder ein anderes Erzählfragment hört. Manchmal hört man auch zwei, drei Mal die gleiche Sequenz. Dieser Aspekt der unkontrollierbaren Wiederholung war mir bei dem Projekt sehr wichtig.

Die technische Realisierung der Webseite hat der Bruder meiner besten Freundin übernommen. Beide wohnen in Lodz in Polen. Das war auch eine sehr schöne Erfahrung, das Projekt dann aus der Hand zugeben und dann online die Realisierung zu verfolgen.

Wie würdest du die Gedankenanstöße und Intentionen der „Ghost Tours“ in Worte fassen?

Bei dem Projekt „Ghost Tours“ ist Irritation bzw. ein Befremden in der zwischenmenschlichen Kommunikation für mich wichtig. In sozialen Interaktionen gibt es viele Dinge, die ich nicht verstehe und zu denen ich keinen Zugang habe. Das muss ich aushalten können. Insofern möchte ich da Hörern bzw. dem Kunstpublikum keine Deutung oder Lesart anbieten.

Sicherlich ist das jetzt keine „vermittelnde“ bzw. erklärende Antwort, aber im Bereich der Kunst ist dies ja ein zentraler Aspekt, denn nur so können individuelle Zugänge und neue Sichtweisen entstehen, auch wenn das als RezipientIn manchmal etwas unbequem ist.

Hier könnt Ihr einige Stationen der „Ghost Tours“ anhören:

Du bist vor allem bekannt für aufwendige, visuelle Rauminstallationen wie z.B: „Strippings“ in Gießen oder „Dimensions Variable“ in Frankfurt. „Ghost Tours“ hingegen arbeitet vor allem über die auditive Ebene. Warum hast du genau diese Arbeitsweise für diese spezielle Offenbacher Führung genutzt?

Ich denke, du beziehst dich mit „Dimensions Variable“ und „Strippings“ auf zwei Arbeiten, die aktuell im Internet präsent sind. Viele meiner Arbeiten sind dies nicht.
Seit 2007 arbeite ich im Bereich der partizipatorischen Kunst, das bedeutet die Einbeziehung von Laien oder anderen Künstlern in den Entstehungsprozess meiner Werke. Diese Projekte sind oftmals „performativ“, anders ausgedrückt, es geht um den Entstehungsprozess, der zum festen Bestandteil des Kunstwerks gehört. In einer Ausstellung kann man aber nicht einfach eine Videodokumentation des Projekts zeigen. Das hat verschiedene ästhetische und ethische Hintergründe. Zum einen muss man den Entwicklungsprozess und das entgegengebrachte Vertrauen der Teilnehmer ein wenig schützen, insbesondere bei TeilnehmerInnen, die sich in schwierigen Lebenslagen befinden, wie im Fall von Ghost Tours bei Demenzkranken.

Zum anderen muss man sich als KünstlerIn fragen, welche Methoden der Präsentation im Kunstkontext relevant und angemessen sind, als was ein solches Projekt aus dem realen sozialen Zusammenhang in den Kunstraum überführt.

Wie kam es dazu, dass du dich ausgerechnet für Offenbach als Ausstellungsort entschieden hast?

Ich wohne in Frankfurt. Frankfurt liegt sehr nah an Offenbach. Als das Projekt entstand hatte ich noch mehrere andere Projekte in Offenbach. Aus einem Jugendprojekt im öffentlichen Raum ergab sich die Anfrage für eine Kooperation mit dem Seniorenzentrum Offenbach.

Gibt es andere Ausstellungen, Projekte oder Audioguide-Touren, die du empfehlen kannst? Wo siehst du die Stärken und Chancen des „Location-based Storytelling“ insbesondere für Privatpersonen vor allem auf Plattformen wie audioguideMe?

Ich nutze das Internet zwar sehr gerne und es hat einen festen Platz in meinem Leben, aber aus künstlerischer Perspektive bin ich nicht wirklich „technikaffin“ – derzeit habe ich zu Hause kein Internet und ein Smartphone bzw. internetfähiges Handy besitze ich auch nicht.

Ich finde die von dir genannten Projekte und Methoden sehr spannend und sie besitzen durchaus für verschiedene Personen und Zielgruppen ihren Reiz, aber wie bereits angedeutet, bin ich derzeit kein Nutzer dieser Kommunikations- und Darstellungsplattformen. Ich habe keinen Überblick was es da so an Möglichkeiten gibt. Dass ich da ein bisschen fremd bin, merkt man meinem Projekt sicher auch an und das ist ok so, denn es war nicht mein Ziel ein Projekt zu entwickeln, was auf dem neuesten technischen Stand ist und das möglichst viele Nutzer ansprechen soll. Trotz alledem bin ich Hannes total dankbar, dass er auf mich zugekommen ist und vorgeschlagen hat das Projekt in audioguideMe einzubinden, denn so kann es nun auch ohne QR-Codes im Stadtraum abgerufen werden. Was mit dem Projekt dadurch passiert, finde ich sehr gut, denn es entbindet das Projekt nun noch viel stärker dem räumlichen und zeitlichen Zusammenhang, in dem es entstand, und es wird noch „geisterhafter“.

Mit welchen Arbeiten wirst du wo als nächstes zu sehen oder zu hören sein?

Einige Arbeiten werde ich in diesem Jahr noch im „Kunstraum am Schauplatz“ in Wien und in der „Galeria OFF“ in Lodz vorstellen.

Viel Aufmerksamkeit nimmt im Moment die Vorbereitung einer Mail Art Ausstellung in Frankfurt ein. Meine Kollegin und ich haben dreißig befreundete Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland eingeladen, ihre Kunstwerke per Post nach Frankfurt zu schicken. Vor zwei Jahren haben wir bereits eine Mail Art Ausstellung in New York organisiert, damals allerdings mit anderen Künstlerinnen und Künstlern. Mail Art ist quasi eine antiquierte Form der Netzwerkarbeit – im Vergleich zu den von dir vorgeschlagenen sozialen Netzwerk-Versionen im Web.
Infos zu der Ausstellung, weiteren Projekten und Kontaktmöglichkeiten zu mir gibt’s unter www.fundamentalephemeris.wordpress.com

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