Ob nun im Rotlichtmilieu, bei Sal. Oppenheim oder in den Reihen der Fifa – Verbrechen lassen sich in an verschiedensten Stellen verorten. Der Härtegrad des Vergehens entscheidet bekanntermaßen, wie ein Prozess ausgeht. Wer einmal beim Graffiti-Sprühen oder Schwarzfahren erwischt wird, hat nicht gleich ein hartes Verfahren am Hals. Schwere Straftaten wie Drogenschmuggel, Raubüberfälle, Mord etc. sind jedoch garantierte Direktverbindungen in den Knast.

Wie ist eure Haltung gegenüber Kriminellen, die zu einer Freiheitsstrafe verurteilt werden? Habt ihr eine Ahnung, in welcher Form sie ihre Verbrechen überhaupt „verbüßen“? Wie sieht es im Gefängnis aus? Sollte man die Seife wirklich nicht in der Dusche fallen lassen? Mit welchen Schicksalen ist die schiefe Bahn gepflastert?

Fiktive Erzählungen wie „Prison Break“ oder „The Shawshank Redemption“ sind zwar unterhaltsam und spannend, aber keineswegs Wissensressourcen, die Realitätsnähe versprechen. Vielleicht kann man dadurch über die Zustände in US-Gefängnissen mutmaßen, aber Einblicke in deutsche JVAs sind nicht gegeben. In Deutschland gibt es um die 186 Justizvollzuganstalten mit einer Kapazität von mehr als 77.000 Haftplätzen. Laut Statischem Bundesamt waren 2013 rund 68.000 davon mit Verurteilten belegt, 10.000 davon befanden sich im offenen Vollzug. In Relation zu den 80 Mio. Einwohnern Deutschlands ist das eine vermeintlich kleine Zahl, doch sie ist von hoher gesellschaftlicher Relevanz. Denn knapp die Hälfte der Insassen sitzt ein Jahr und weniger ein. Lediglich ca. 2000 Gefangene haben eine lebenslange Haftstrafe auferlegt bekommen bzw. sind in Sicherungsverwahrung.

Das heißt, dass ein Großteil der Inhaftierten auch verhältnismäßig schnell wieder einen Fuß in die Freiheit setzt. Wie sich die Entlassenen dabei bewähren, hängt dann vor allem von ihren Erlebnissen und Erfahrungen in Gefangenschaft ab. Allerdings herrscht in der zivilen Bevölkerung eine weitreichende Ahnungslosigkeit über die Interna hinter Gittern vor.

„Podknast“ liefert da sehr authentische Infos. Das Projekt des Justizministeriums Nordrhein-Westfalen zeigt, wie der Alltag in deutschen Gefängnissen aussieht. Es werden beispielsweise Interviews zu verschiedenen Schwerpunkten geführt oder Kurz-Reportagen zu ausgewählten Themen wie „Haftschaden“ (sprich, was für Ticks, Neurosen entwickelt man im Gefängnis) oder Eingestehen der Schuld vorgestellt. Wir freuen uns, dass das eindrucksvolle Projekt jetzt auch mit audioguideMe kooperiert und die Plattform bereichert.

Allein in NRW gibt es 37 eigenständige Gefängnisse, womit das Land das höchste Aufkommen an Inhaftierten in der gesamten Bundesrepublik hat. Die Umsetzung von „Podknast“ begann in der Jugendarrestanstalt Düsseldorf mit einem Audio-Projekt und wurde inzwischen durch Video-Beiträge bereichert. Zum jetzigen Zeitpunkt sind auch die Justizvollzugsanstalten in Aachen, Detmold, Heinsberg, Herford, Iserlohn, Köln (Frauenvollzug), Siegburg, Willich I und Wuppertal-Ronsdorf beteiligt.

Die Beiträge werden zusammen mit den Inhaftierten konzipiert und umgesetzt. Grundvoraussetzung zum Mitwirken ist das Interesse an der Projektidee und neuen technischen Medien. In erster Linie sollen sich die Gefangenen ihrer eigenen Biographie stellen und die Gründe für ihr kriminelles Verhalten hinterfragen. Andererseits soll auch Transparenz zur Gefängnisroutine geschaffen werden. Insbesondere potentiell gefährdete Jugendliche werden angesprochen, da die Inhalte sie abschrecken sollen, selbst straffällig zu werden.

Die „Podknaster“ präsentieren ihr Umfeld und ihre Mitinsassen nicht immer in den typischen Klischees, die sich jeder so im Laufe seines Lebens erdacht hat. Kontra gegen diese Vorurteile gibt u.a. Bens Beitrag, in dem er ein selbstverfasstes Gedicht einspricht.

Ich, die selbst gern mal Lyrisches liest oder einige Zeilen niederschreibt, war von den Reimen beeindruckt. Sie waren gegenteilig zu dem, was ich anfangs erwartet hatte, und verdeutlichten, wie gern Ben in seiner Vergangenheit anders gehandelt hätte. Seine Aussagen unterstreichen, dass das Dasein in einer Zelle keinesfalls wünschenswert ist.

Das Reinhören lohnt sich auf jeden Fall. Es verschafft einem Klarheiten über die Situationen in deutschen Gefängnissen, die sich dort Tag ein, Tag aus vollziehen. Die Schuldgefühle aufgrund der Straftat, der Verurteilung und der Inhaftierung wiegen oft sehr schwer. Für freie Menschen ist das teilweise kaum nachzuvollziehen – durch „Podknast“ schon. Letztlich erhalten die mitwirkenden Häftlinge durch das Projekt auch Stücke ihrer Identität zurück. Man hat oft das Gefühl, dass die Inhaftierten die Beiträge nicht nur für Hörer produzieren, sondern auch für sich, um ihr Vergehen und ihre Rolle in der Gesellschaft zu reflektieren. Sie zeigen oft Bedauern und dass, sie bei ihrer Entlassung nicht mehr als die böswilligen „Monster“ gesehen werden möchten, die sie vielleicht mal waren oder als die sie die Öffentlichkeit stigmatisiert.

Ein Artikel von Mariella Bein

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