Heute möchten wir Euch ein interessantes Projekt aus Leipzig vorstellen. Die Projektgruppe „un-sichtbares Leipzig“ besteht aus Absolventinnen, Absolventen und Studierenden der Leipziger Religionswissenschaft. Gemeinsam erarbeiteten sie einen Audioguide, der verschiedene Religionen und Orte mit religiösen Bezügen in Leipzig vorstellt. Im Fokus steht dabei der Kontrast zwischen den etablierten, sichtbaren Religionsgemeinschaften und unbekannteren, im Stadtbild häufig verborgenen Gruppen. Ihr Ziel ist es, die religiöse Vielfalt Leipzigs Interessierten zugänglich zu machen. Freut Euch auf ein interessantes Gespräch mit Anne Giese!

Hallo Anne! Vielen Dank, dass Du Dir die Zeit für unser Gespräch nimmst. Woher stammt Eure Idee, die Religionen, die die Stadt geprägt haben und heute noch prägen in einem Audioguide vorzustellen?

Alle in unserer Gruppe haben Religionswissenschaft in Leipzig studiert. Dementsprechend haben wir uns viel mit den Religionen und Gemeinschaften hier beschäftigt. Zum Ende unseres Studiums haben wir nach einer Möglichkeit gesucht, unser theoretisches Wissen anderen zugänglich zu machen. Viele Diskussionen im öffentlichen Raum sind häufig von Polemik und Emotionen geprägt. Hier wollen wir entgegenwirken und mit religionswissenschaftlich, das heißt weltanschaulich neutralen, und auf Fakten basierten Darstellungen Vielfalt zeigen, bestehende Meinungen hinterfragen und zur Toleranzentwicklung gegenüber unterschiedlichen Religionsgemeinschaften beitragen.

Meinen Ohren nach zu urteilen, sind die Beiträge qualitativ exquisit gestaltet. Die Hörer können Wissen und Genuss aus einer Vielzahl an interessanten Infos, guten Sprecherbeiträgen und Musik schöpfen. Wie habt Ihr Euer Anliegen hinsichtlich der Technik, den Beteiligten und der Produktionsdauer gemeistert?

Die Hörbeiträge sind das Ergebnis eines langen Prozess, in dem die Inhalte und die Komposition der Clips sich entwickeln konnten, z. B. durch ein Peer-Reviewverfahren und externe Sachverständige. Besonders bei der technischen Umsetzung hatten wir viel Unterstützung durch den Radiosender Radio Blau. Ohne die finanzielle Unterstützung der Dr. Buhmann-Stiftung, der Gustav Prietsch-Stiftung sowie der Stiftung Bürger für Leipzig wäre das alles natürlich nicht möglich gewesen. Unser Audioguide ist daher das Produkt vieler Hände und wir sind sehr dankbar für die Hilfe.

Es ist unser Anliegen, die unterschiedlichen Religionen als einen Faktor zu zeigen, der das Leben in dieser Stadt mitgestaltet. – Anne Giese

Woher rührt der Titel „Un-Sichtbares Leipzig“?

Der Titel bezieht sich darauf, dass nicht alle religiösen Gruppen gleichermaßen „sichtbar“ für alle Menschen im Stadtbild sind. Das kann daran liegen, dass die Gruppen sich am Stadtrand befinden oder unbekannt sind, weil sie wenig öffentlich in Erscheinung treten, wie z. B. die Baha’i. Andere Gruppen oder Gebäude hingegen sind sehr präsent in der Stadt, so z.B. die Nikolaikirche. Mit unserem Hörspaziergang wollen wir uns abseits der ausgetretenen Routen entlang bekannter Bauten bewegen und das bis dahin noch Unsichtbare sichtbar werden lassen.

In einem Eurer Beiträge erläutert ihr die Eisenbahnstraße, die ein Abschnitt des Jakobswegs ist. Hat dieser Fakt eine neue Pilgerwelle in Leipzig ausgelöst?

Das wissen wir nicht, da uns die konkreten Erhebungsdaten fehlen, aber vermutlich hat es keine neue Pilgerwelle ausgelöst. Aber es ist eine interessante Frage, welchen Einfluss dieser religionswissenschaftliche ‚Bericht‘ auf die religiöse Landschaft hat, die er beschreibt. Solche Reaktionen sind häufig wenig voraussehbar und wir sind gespannt.

Was war das schönste Feedback zu eurer Audioführung?

Hin und wieder veranstalten wir einen geführte Spaziergänge. Eine Besucherin erzählte, dass sie bereits bei einem Objekt vor Jahren mit ihrer Schulklasse gewesen wäre und sie durch unseren Audioclip neue Informationen bekommen und das Objekt aus einer anderen Perspektive gesehen hat. Es freut uns natürlich besonders, wenn wir neue Blickwinkel eröffnen können.

Vermeintliche Agnostiker und Atheisten sind in Deutschland schwer in Zahlen zu fassen, generell berichten die Medien aber eher von steigenden Tendenzen und wachsender Unkenntnis über Religionen. Würdet ihr dem „Trend“ tendentiell zustimmen?

Personen, die sich als AgnostikerInnen oder AtheistInnen bezeichnen, haben nicht unbedingt wenige Kenntnisse über Religion und Religionen. Sie haben lediglich für sich entschieden keiner (spezifischen) Weltanschauung anzuhängen. Selbst wenn es zunehmend mehr Menschen geben sollte, die sich als religionslos bezeichnen, geht das also nicht unbedingt mit der Abnahme an Wissen über Religionen einher. Das Wissen über die Christliche Liturgie, Geschichten und Symbole mag weniger verbreitet sein, da heute z.B. der sonntägliche Kirchgang nicht zwingend zum sozialen Leben dazugehört. Dafür gehören Kenntnisse über Praktiken wie Yoga und Meditation, die aus hinduistischen und buddhistischen Weltanschauungen entstanden sind, zum Alltagswissen vieler Menschen in Deutschland. Auch vom Islam wissen inzwischen die Menschen in Deutschland sicher mehr, als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Im Kontext zur vorherigen Frage: Für wie notwendig empfindet Ihr es, dass sich die Menschen einen religiösen Weitblick bewahren?

Religion beeinflusst viele Menschen in ihren Ansichten und in ihrem Handeln. Es ist unser Anliegen, die unterschiedlichen Religionen als einen Faktor zu zeigen, der das Leben in dieser Stadt mitgestaltet. Wie man zu Religion im Allgemeinen und im Einzelnen steht, bleibt jeder und jedem selbst überlassen.

Haben euch schon andere, ähnliche Projekte fasziniert, die ihr weiterempfehlen könnt?

Es gibt eine Vielzahl an Projekten in Leipzig, die alle tolle Arbeit leisten. Zwei Projekte, die wir besonders interessant finden,sind das „Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur“ sowie die „“Stadt Karawane““. Das ZEOK setzt sich mittels Stadtrundgängen, Ausstellungen, Workshops und vielem mehr für den kulturellen Dialog ein. Eine bedeutende Rolle spielen dabei auch immer wieder Religionen, z. B. wie bei der derzeitigen interaktiven Wanderausstellung „Mein Gott, dein Gott, kein Gott – Die Vielfalt der Religionen on tour“. Auch bei der „Stadt Karawane“ war Religion schon ein Thema. An einem Tag besuchen die Teilnehmenden drei unterschiedliche GastgeberInnen in Leipzig und können so Einblick in deren Leben gewinnen.

Würdet Ihr mit solchen Audio-Führungen auch religiöse Hintergründe anderer Orte außerhalb Leipzigs beleuchten? Wenn ja, welche würden Euch am meisten reizen?

Grundsätzlich lässt sich unser Konzept der Un-sichtbarkeit auf alle Orte übertragen. Eine Studie des Centrums für Religionswissenschaftliche Studien in Bochum hat belegt, dass die religiöse Diversität dort am höchsten ist, wo die Bevölkerungsdichte besonders groß ist. Daher sind größere Städte für uns besonders interessant, wobei wir künftig den Fokus nicht nur auf die Innenstädte legen wollen, sondern auch auf Randgebiete. Traditionellerweise finden sich hier vor allem eher „unsichtbare“ Gruppen, wie z.B. die Sikh in Paunsdorf/Leipzig.

Welche Bereiche unterstützt der „Freunde und Förderer der Religionswissenschaft Leipzig e.V.“ neben dem Erstellen des Podcasts?

Neben unserem Audioguide widmet sich der Verein „Freunde und Förderer der Religionswissenschaft Leipzig e.V.“ vor allem der Förderung von Bildungsveranstaltungen, wie Vortragsreihen und Workshops zu religionswissenschaftlichen Themen, und unterstützt die Mobilität und Vernetzung von Studierenden.

Vielen Dank für dieses interessantes Gespräch und alles Gute für die Zukunft!

Hier geht’s zur Website des Projekts: Un-sichtbares Leipzig

Ein Interview von Mariella Bein

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